Kath. Pfarramt St. Martin
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Denk Mal! - Gedanken zur Zeit




Der Weg zum wahren Glück


Der Weg zum wahren Glück

 

Liebe Gemeinde,

mit dem Begriff Glück kann wohl jeder und jede unter uns etwas anfangen. Freilich ist das Verständnis dafür höchst unterschiedlich, wie ein Blick in ein Synonymwörterbuch zeigt: Heil, Profit, oder Vorteil sind nur einige Umschreibungen. Mein Predigthema dreht sich nun um diesen vielschichtigen und schillernden Begriff. Es lautet: Der Weg zum wahren Glück. Große Denker, Religionsstifter und Philosophen, aber auch einfache Menschen habe je eigene Wege zum vermeintlichen oder tatsächlichen Glück beschritten und dabei mehr oder weniger Erfüllung gefunden. Viele teilen die Erfahrung, dass der Weg zum wahren Glück steinig sein kann, aber wirkliche Seligkeit schenkt, wie sie Jesus in der Bergpredigt bzw. Feldrede verspricht. Unsere Bistumspatronin, die Hl. Elisabeth, ist diesen steinigen Weg der Seligpreisungen konsequent gegangen. Freilich verlief ihr Lebensentwurf nicht immer so geradlinig, wie es manche Geschichten und Legenden vermuten lassen. Ein Blick in ihre Biographie schildert Elisabeth als einen Menschen mit Ecken und Kanten. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen überzeugt der Weg der Hl. Elisabeth und lädt zugleich ein, 800 Jahre später diesen Weg zum wahren Glück neu zu gehen. Elisabeth war eine Angehörige der Oberschicht ihrer Zeit, die nicht nur aus damaliger Sicht, das Glück gepachtet schien.

In ihrer Stellung als Landgräfin von Thüringen, hatte sie wohl zunächst die Erkenntnis gewinnen müssen, dass Glück sehr brüchig sein und sogar schnell zerstört werden kann. Was meine ich damit? Die folgende Geschichte aus China soll es illustrieren:

Sie standen am Spielplatz, wo die Kinder sich tummelten, als der Schüler den Meister Mengtse fragte:

"Sage mir doch, wie es kommt, dass alle Menschen glücklich sein wollen und es doch nicht werden?" Mengtse wies auf die spielenden Kinder: "Ich meine, die da sind glücklich."

"Wie sollten sie nicht?" entgegnete sein Schüler. "Es sind Kinder, und sie spielen. Wie ist es aber um das Glück der Erwachsenen bestellt?"

"Wie um das Glück der Kinder, genauso", entgegnete Mengtse.

Indem er das sagte, hatte er eine Handvoll Kupfermünzen hervorgeholt und warf sie unter die spielenden Kinder. Da verstummte mit einem Mal das fröhliche Lachen, und die Kinder stürzten sich auf die Kupfermünzen. Sie lagen am Boden und rauften um ihren Besitz. Geschrei und Gezeter hatten das frohe Lachen abgelöst.

"Und nun", fragte Mengtse, "was hat ihr Glück zerstört?" "Der Streit", erwiderte sein Schüler.

"Und wer erzeugte den Streit?" "Die Gier."

"Da hast du die Antwort auf deine Frage. Alle Menschen erfüllt die Sehnsucht nach dem Glück, aber die Gier in ihnen, es zu erjagen, bringt sie gerade um das, was sie sehnlichst wünschen."

Gier zerstört Glück!? Auf diesen kurzen Nenner können wir die Quintessens der gehörten Geschichte aus dem alten China bringen. Die Heilige Elisabeth hat in den höfischen Intrigen auf der Wartburg diese Erfahrung machen müssen. Und geht es uns heute nicht auch ähnlich? Wir streben nach immer mehr materieller Erfüllung und machen gerade in diesem Streben alles kaputt. Schauen wir auf die Situation unserer Kinder: Viele sind „medial hochgerüstet“, angefangen vom persönlichen Mobiltelefon, über ein eigenes TV-Gerät im Kinderzimmer bis hin zum PC. Und doch beklagen über sechzig Prozent der Kinder, dass ihre Eltern kaum mit ihnen sprechen würden. Haben wir wirklich keine Zeit mehr für ein persönliches Gespräch, für ein Miteinander in der Familie?

Gier zerstört Glück?! Kann es sein, dass wir in dem Maße wie wir meinen für unsere Kinder materiell sorgen zu müssen, deren und unser Glück aufs Spiel setzen? Wäre das nicht paradox?

Unser Blick soll in den diesjährigen Fastenpredigten auf die Seligpreisungen der Bergpredigt bzw. Feldrede Jesu gelenkt werden: „Rosen auf steinigen Wegen“ ist das Leitwort für unser Nachdenken. Das diesjährige MISEREOR Hungertuch, gestaltet von einem chinesischen Künstler, kann uns dabei helfen. Schauen wir einmal auf dieses eigenwillige Kunstwerk: Zentral fällt uns zunächst eine Lichtgestalt auf. Die angedeutete Taube als Symbol des Heiligen Geistes, vielleicht auch der brennende Dornbusch des Mose, sollen die Göttlichkeit der Lichtgestalt kennzeichnen. Die Lichtfigur ist Jesus Christus. Der Künstler will eines über ihn sagen: Seine Botschaft der Seligpreisungen ist nicht von dieser Welt, weil sie scheinbar unsere innerweltliche Erfahrungen auf den Kopf stellt. Und doch überall dort, wo sie angenommen wird, wird es heller. Der Maler hat die zentralen Seligpreisungen in vier kreisförmige Bilder gefasst: „Selig, die arm sind vor Gott...Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden...Selig die Trauernden....Selig, die Frieden stiften..“

Die meisten von uns kennen die Seligpreisungen der Bergpredigt von jung an und immer dann, wenn wir sie hören und durchdenken, reiben wir uns an ihnen: Sind sie überhaupt lebbar, fragen wir uns, fußen sie nicht vielmehr auf dem Unglück und dem Leid? Gleichzeitig bewundern wir Menschen, die in den Seligpreisungen den Weg zum wahren Glück gefunden haben. Schauen wir auf die Heiligen, jene Menschen, wo wir meinen, nein wissen, dass sie dieses Ziel erreicht haben. Es ist nahe liegend, das wir in ihrem Jubiläumsjahr den Fokus besonders auf die Heilige Elisabeth richten. Nach dem Tod ihres Gatten Ludwig führte sie ein Leben in Armut und Demut, sie widmete sich dem Dienst an den Armen und Kranken. Das sieht zunächst einmal gut und bewundernswert aus. Aber Elisabeth hatte auch ihre Ecken und Kanten, wie sie wohl jeder Mensch sie hat. Warum dieser demütige und aufreibende Dienst an den Unterprivilegierten? Hätte Elisabeth nicht als Mutter zuerst für ihre drei Kinder da sein müssen? Vielleicht ist die Frage berechtigt. Vielleicht ist aber auch unser Blickfeld, durch unsere moderne Sichtweise verengt. Die Heilige Elisabeth hatte zuerst die Lichtfigur auf unserem Hungertuch im Blick. Sie hörte den Herrn wohl rufen: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“ Suchte Elisabeth also in ihrem Dienst an den Benachteiligten zunächst für sich selber Gewinn? Was verstehen wir überhaupt unter dem Begriff der Barmherzigkeit? Fragen, die wir nur beantworten können, wenn wir uns zunächst mit dieser Seligpreisung der Barmherzigen beschäftigen. Der Begriff ist vom lateinischen „miseri cors“ abgeleitet und lässt sich wohl am Besten mit „mit ins Herzen nehmen“ oder besser „zu Herzen gehend“ übertragen. Damit ist die vom Mitleid angeregte Hilfsbereitschaft bei akuten Nöten des Nächsten, die christliche Nächstenliebe, gemeint. Ergänzend sei auch noch darauf verwiesen, dass die Barmherzigkeit immer jede menschliche Auffassung von strenger Gerechtigkeit übersteigt. Barmherzigkeit christlich verstanden ist auch nicht die Quelle der Liebe, die ein Mensch seinem Nächsten schenkt, sondern vielmehr eine Auswirkung der Liebe, die ihm selber geschenkt ist. Was bedeutet das? Die Heilige Elisabeth hatte sich offensichtlich als von Gott beschenkter Mensch empfunden und wollte diese Liebe weitergeben. Wie sollte sie, als Angehörige des Adels, das jedoch tun? In der franziskanischen Armutsbewegung ihrer Zeit fand Elisabeth zu einer Antwort. Sie erkannte, Barmherzigkeit ohne konkrete Taten bleibt nur eine hohle Phrase. Die konkreten Werke der Barmherzigkeit lassen sie lichtreich Gestalt werden. Der Katechismus der Katholischen Kirche unterscheidet geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit: Belehren

Raten, Trösten, Ermutigen, Vergeben und geduldig Ertragen bzw. Hungrige speisen, Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene besuchen, Tote begraben und Almosen geben.

Immer wieder und zu allen Zeiten haben Christen die Werke der Barmherzigkeit versucht zu leben. Es ist ihnen besonders dann gut gelungen, wenn sie es aus einer christlichen Motivation heraus getan haben. Nicht umsonst haben Hospitäler und Krankenhäuser fast ausschließlich im Christentum ihrer Wurzel. Ein Beispiel: Im letzten Jahr war ich auf der Mittelmeerinsel Malta, wo der Orden der Johanniter bzw. Malteser seine Heimat hatte. Diese adeligen Ritter waren aber nicht nur Soldaten, sondern pflegten auch Arme und Kranke, um Christi willen. Christliche Barmherzigkeit und Humanismus, also Menschlichkeit, sind zwei unterschiedliche Motivationen, die im Ergebnis gleich sein können. Humanismus hat meistens Grenzen, die in der physischen und psychischen Bereitschaft des Einzelnen liegen. Barmherzigkeit und Nächstenliebe um Gottes willen kann grenzenlos sein, weil Gottes Liebe zu uns unendlich ist. Elisabeth hat ihre physischen und psychischen Grenzen weit überschritten, weil sie sich als von Gott beschenkte Frau erfahren hatte. Nur so ist ihr demütiger Dienst an den Unterprivilegierten erklärbar. Ihre körperliche Konstitution hatte darunter gelitten, sie ist deswegen auch früh verstorben. Unglücklich soll sie über ihr Leben nicht gewesen sein. Macht das vielleicht einen Heiligen aus? „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“ Kennzeichnet dieses Jesuswort den Weg zum wahren Glück? Für die Heilige Elisabeth war dieser Weg zwar steinig, aber doch konsequent. Es war ein Weg der gelebten Barmherzigkeit.

„Es ist gut, barmherzig zu sein.“, so stellt unser Bischof Dr. Joachim Wanke mit Blick auf die Heilige Elisabeth fest: „Barmherzigkeit mildert nicht nur Not; sie macht den, der sich tatkräftig zu ihr bekennt, selbst reicher, menschlicher, christlicher.“

„Es ist gut, barmherzig zu sein.“ Diese Feststellung gilt nicht nur für die Zeit der Heiligen Elisabeth, sondern auch für uns heute. Die Nöte und Hoffnungen, das Elend und die Sehnsüchte heute mögen anders gelagert sein, als vor 800 Jahren. Gerade deswegen sind wir als Getaufte angerufen zu handeln. Nicht unbedingt aus humanistischen Motiven heraus, sollen wir Christen Notlagen erkennen und möglichst mildern. Wir Christen wissen um einen guten Gott, der einen jeden und eine jede grenzenlos liebt. Das muss unsere Motivation für Barmherzigkeit und Nächstenliebe sein. Was ist also zu tun? Können die Werke der Barmherzigkeit uns heute und jetzt helfen? Unser Bischof hat einmal Menschen befragt, was aus ihrer Sicht die wichtigsten Werke der Barmherzigkeit wären. Herausgekommen sind die Sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute: Du gehörst dazu. Menschen, die am Rand stehen einbeziehen - Behinderte, sozial Schwächere, Ausländer... Ich höre dir zu. Zeit und persönliches Interesse für die aufbringen, denen keiner zuhört, an deren Leben niemand Anteil nimmt. Ich rede gut über dich. Denen Ansehen gebe, die übersehen, abgeschrieben oder verurteilt werden., Ich gehe ein Stück mit dir. Orientierungslosen Rat und Hilfe anbieten, einen schweren Weg mitgehen., Ich teile mit dir. Jene nicht leer ausgehen lassen, denen das Nötigste zum Leben fehlt., Ich besuche dich. Einsame, Fallengelassene, die Fortschrittsverlierer aufsuchen. Und nicht zuletzt: Ich bete für dich. Auf Gott aufmerksam machen, für Lebende und Verstorbene beten.

„Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“, ruft uns Jesus zu. Es gilt auch heute um seiner willen: „Es ist gut, barmherzig zu sein.“

Blicken wir noch einmal auf das MISEREOR Hungertuch: Jesus Christus ruft den Menschen seine Seligpreisungen zu. Diese Botschaft ist nicht von dieser Welt, weil sie scheinbar unsere innerweltliche Erfahrungen auf den Kopf stellt. Und doch überall dort, wo sie angenommen wird, wird es heller. Mit Blick auf die Heilige Elisabeth nehmen wir den Weg zum wahren Glück als zunächst als steinig war. Das Beispiel der Heiligen illustriert, das dieser Weg nicht unglücklich macht. Im Gegenteil. „Es ist gut, barmherzig zu sein.“ Amen.

 

Predigtmanuskript vom 25.02.2007 – Pfarrer Markus Ramisch, Hüpstedt/Helmsdorf /Zella

 

Gehalten innerhalb der Fastenpredigten auf dem Kerbschen Berg, Dingelstädt



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